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Damenwahl
1934. Bad Godesberg. Achtzehn war sie,
lebte in einem Mädchenpensionat.
Tanztee im Dreesen, im Kastaniengarten.
Ein Verbindungsstudent, Schmisse
im Gesicht, Jura. Am Revers
trug er das kleine Abzeichen.
Die funkelnde neue Zeit. Sie
entschied sich. Damenwahl.
Das prächtige Hotel Dreesen
gibt es noch heute, weiß strahlend,
mit seinem riesigen Glashaus,
unter dem Kastanienbäume blühen,
direkt am Rhein. Hitler, ein Stammgast,
stieg hier schon seit 1926 ab,
wenn er im Rheinland zu tun hatte.
Die Geschichte geht weiter.
Irgendwann kam der Krieg,
erst Frankreich, dann Russland,
zwei Kinder, geboren 1941 und 1945,
gezeugt im Heimaturlaub,
Kinder der neuen Zeit.
Fünf Jahre nach dem Krieg,
als alles vorbei war, nichts war vorbei,
kam ich, das dritte Kind.
Du warst ein Unfall, sagte mein Vater,
als ich ihn im Rollstuhl
über die Ruhrbrücke fuhr.
Er war fast neunzig. Ich hätte
ihn einfach stehenlassen sollen.
Doch ich haderte nur.
Nie hatte ich mich
für diese Eltern entschieden.
Das Hotel Dreesen liegt wirklich sehr schön,
immer mal wieder suche ich es auf,
wenn ich in der Gegend bin,
gönne mir, im Kastaniengarten zu speisen.
Dort, wo alles anfing.
Warum sie sein rechtes Ohr,
missgebildet und taub,
nicht abhielt von ihm,
das bleibt die Frage. Vielleicht
war es ja doch Liebe. Damenwahl.
Gerd Riese